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"Ich lebe noch!"

Ingrid Portenschlager, Zeitzeugin der zweiten Generation, berührt die 4a, 4d und 4e

Mittwoch, 5. April 2018: Ingrid Portenschlager erzählt die dramatische Lebensgeschichte ihres Vaters, Ernst Reiter. Gespannt hören die SchülerInnen der 4a, 4d und 4e zu und zeigen sich sichtlich bewegt. Ingrid Portenschlager, geb. 1949, erzählt, was es für sie bedeutete, von einem schwer traumatisierten Menschen erzogen zu werden. Schon als Kind empfand sie, dass ihren Vater etwas Bedrückendes umgab, jedoch sprach er viele Jahre nicht über seine Erlebnisse.

 

Nachgeborene sind durch die Erlebnisse ihrer Eltern ebenfalls traumatisiert. Ingrid Portenschlager ist so eine Nachgeborene. Sie ist die Tochter von Ernst Reiter, der 4 ½ Jahre im KZ Flossenbürg inhaftiert war. Er verstarb 2006. Ernst Reiter war aus Glaubensgründen, er war Zeuge Jehovas, Kriegsdienstverweigerer. Das brachte ihm Zuchthaus und letztendlich vier Jahre Konzentrationslager (Flossenbürg in Bayern) ein. Ernst Reiter und andere waren bereit für ihre Überzeugung ("Du sollst nicht töten!") zu sterben. Mit sehr viel Glück überlebte er das KZ.

 

Im Strafvollzug in Bayreuth traf er auf den Hauptfeldwebel Pongratz, der so zornig über Reiters ablehnenden Haltung am Dienst mit der Waffe war, dass er schrie: "Lebend werden Sie hier nicht mehr herauskommen!" Es ist dieser Feldwebel den Reiter in seinem ersten "Urlaub" mit der Familie treffen wollte. Der "Urlaub" führte an die tschechische Grenze und zum Konzentrationslager Flossenbürg. Hauptfeldwebel Pongratz war mittlerweile Bürgermeister in Landshut in Bayern, wo Reiter und seine Familie vorbeifuhren, um diesem auszurichten: "Grüße von Ernst Reiter. Häftling Nummer 1935, 'Ich lebe noch!'" (Lebensbericht Ernst Reiter).

 

Eindrücke von SchülerInnen:

 

  • "Ich fand es sehr berührend, dass Frau Portenschlager uns auch etwas von ihren Erfahrungen erzählt hat. Z.B. dass sie und ihre Geschwister viel strenger erzogen wurden und dass ihre Lehrerin sie schlechter behandelt hat."
  • "Was mich sehr berührt hat war, dass der Mann zu diesem Hauptfeldwebel gefahren ist, um ihm auszurichten, dass er noch lebt."
  • "Ich fand es sehr toll, dass Frau Portenschlager erzählt hat, wie es ihnen im Kindesalter ergangen war und wie der Vater gefühlt hatte."
  • "Ich fand es sehr berührend, dass die Zimmergenossen dem Ernst geholfen haben, als er krank war."
  • "Mich hat beeindruckt, dass die Frauen so über das Thema reden können."

 

 

Der Einsatz dieser Nachgeborenen ist deshalb von so großer Bedeutung, weil Zeitzeugen leider bald nicht mehr zur Verfügung stehen, aber die Erinnerung unbedingt weiter gehen muss. Die Kinder der Zeitzeugen sind sehr wohl in der Lage, die Geschichte ihrer Eltern weiterzugeben sowie aufzuzeigen, wohin Intoleranz, Vorurteile und Verhetzung führen können.

 

Der Verein Lila Winkel beschäftigt sich mit der Dokumentation und Aufarbeitung des Schicksals unschuldiger Opfer und dient der Förderung aller Maßnahmen und Tätigkeiten, welche dem Gedenken an die Opfer, der Aufarbeitung der NS-Zeit in historischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht sowie der gesellschaftlichen und rechtlichen Rehabilitierung der Betroffenen dienlich sind.