Bericht eines ehemaligen Schülers unseres Gymnasiums über seine Erlebnisse während der NS-Zeit

Univ. Prof. Dr. Gert Mähr
Zu Schulbeginn September 1943, 5. Klasse, stieß zu uns ein Bub namens Schlüter, der vor den Bombenangriff aus Köln zu seinen Verwandten nach Feldkirch geflüchtet war.
An einem Vormittag wurden englische Flugzettel über Feldkirch abgeworfen. Etliche fanden sich im Hof, und während der 10-Uhr-Pause haben wir im hinteren Winkel des Gymnasialhofes zwischen der Druckerei Sausgruber (heute Druckerei Kaindl) und Stadtmauer diese Zettel gefunden und natürlich interessiert gelesen, was für uns ein Novum, für Schlüter ein bekanntes Phänomen war, was er auch entsprechend kommentierte.
Nach einiger Zeit kam plötzlich vormittags von der Kreisleitung Dornbirn Kreisamtsleiter Reiter während des Unterrichtes in unsere Klasse und hielt uns eine Standpauke über dieses politische Verbrechen, dass wir diese Zettel, ohne sie zu lesen nicht sofort vernichtet hätten. Er prophezeite uns eine düstere Zukunft bei einem eventuellen Sieg des Friedens. Auch ich wurde über meine beruflichen Zukunftspläne befragt, wobei ich in meiner bekannt lässigen Haltung mich mit beiden Händen auf die Bank stützte – für einen strammen Hitlerjungen eine unmögliche Haltung gegenüber einem Parteifunktionär in SA-Uniform. Er fragte mich dann, was ich in Leibeserziehung für eine Note hätte, was ich mit "Sehr gut" beantwortete. Er hätte mir jedoch ein "Nicht genügend" zuteilt, worauf Othmar Tiefenthaler von hinten rief: "Gon mer in Hof und zoag ems ordentlich!“ Dann war diese Lehrstunde beendet.
Es war klar, dass der Sohn von Landrat Pfaundler in unserer Klasse diese Sache angezettelt hatte, wofür er auch bei der nächsten Turnstunde im Umkleideraum der Turnhalle versohlt und anschließend in den Klassenbann getan wurde. So herrschte Zwietracht in unserer Klasse.
Unser Klassenvorstand, Prof. Guido Burtscher (Spitzname "Kotlett"), der über seinen Sohn Raimund über die Lage informiert war, versuchte eine friedvolle Versöhnung. Die Lage verschärft sich jedoch, als Erich Ess aus der Parallelklasse anlässlich des Zusammenbruches des Bündnisses mit Italien Pflaundler als "Badaglio" beschimpfte.
Schlüter wurde inzwischen von der Anstalt verwiesen. Bald danach traf mit einer Postkarte die Nachricht ein, dass er als Hitlerjunge im Einsatz bei einem Bombenangriff in Köln ums Leben gekommen wäre. Diese Nachricht hat uns natürlich sehr bestürzt, Heinrich Morscher (später Pfarrer in Koblach), veranlasste sofort eine Sammlung für Kranzspenden. Bevor diese jedoch realisiert werden konnte, sickerte durch, dass die Nachricht fingiert und die Postkarte in Feldkirch abgestempelt war. Es konnte nie geklärt werden, von wem und wie diese Postkartenaktion gestartet wurde. Nachforschungen nach dem Zusammenbruch blieben ergebnislos.

An einem Novemberabend wurde die Klasse mit den Eltern in den Zeichensaal berufen. Direktor und Klassenvorstand sowie die Parteigrößen aus Dornbirn teilten uns mit, dass diese Klasse als Unruhestifterin bekannt sei und vorderhand drei Proponenten – Gert Mähr, Othmar Tiefenthaler und Erich Ess – von der Anstalt verwiesen und mit einem Studienverbot im Gau Tirol-Vorarlberg belegt werden.
Prof. Burtscher wurde Strafweise nach Dornbirn versetzt. Sollte keine Ruhe eintreten, wäre als nächste Maßnahme vorgesehen, die gesamte Klasse aufzulösen. So zog ich mit meinen Eltern an dem trüben Novemberabend nach Hause.
Die Reaktion der Schule war, dass mein Lateinlehrer, dessen Lieblingsschüler ich war, am nächsten Tag sich äußerte: Gott sei Dank, ist dieses Schwein nicht mehr in unserer Klasse. Eine ähnliche Stellungnahme kam von unserem Geschichts- und Geographielehrer. Einzig Musiklehrer Robert Briem hatte in der Konferenz den Mut, mir die Stange zu halten, die anderen schwiegen.

So war ich nun beschäftigungslos. Als Dirigent des HJ-Orchesters wurde ich ebenfalls sofort entlassen. Der Schock saß nicht allzu tief, da meine Familie nie an den Endsieg geglaubt hatte. Ich übte stundenlang Klavier, ging zu den Jesuiten auf die Carina, studierte fleißig bei Pater Rauchenberger Latein, und bei Pater Leibenguth begann ich mit Griechisch. Nachts um 21 Uhr konnte ich bei Dunkelheit zu Protas Heinrich in die Neustadt, um Mathematik zu lernen.
Es kann nichts so schlecht sein, als dass es nicht etwas Gutes bringt. Ich war wehrunwürdig, blieb somit von der Einberufung zur Heimatflak verschont. Othmar Tiefenthaler wurde in einer Oberrealschule in München aufgenommen. Ess durfte in der Realschule Dornbirn weiterstudieren durch die Beziehungen seiner Familie.
Zu Schulbeginn Herbst 1944 wurde ich von der Schule benachrichtigt, dass ich um eine Wiederaufnahme ansuchen könnte. Diese Begnadigung wurde mir anscheinend von Verwandten, die der Partei sehr nahe standen, ohne unser Wissen vermittelt. Die Geschichte war bis Berlin durchgedrungen, wobei erschwerend für mich war, dass ich während der ganzen Kriegszeit in der Johanneskirche den Morgengottesdienst mit der Orgel begleitete. Ich ging zu Direktor Eccher, lehnte aber eine Wiederaufnahme ab, da ich mit "dieser Schule nichts mehr zu tun" hätte. Ich konnte nur noch rasch zur Tür hinaus, da mir bereits ein Buch wegen meiner Unverschämtheit nachflog.

Das Kriegsende nahte. Einer Einberufung zum Volkssturm in den letzten Kriegswochen hatte ich dann nicht mehr Folge geleistet, mich gleichzeitig unsichtbar gemacht und die letzten Tage heimlich den Feindsender gehört und sehnsüchtig den Einmarsch der Franzosen erwartet.

Ich machte nach dem Krieg die Aufnahmeprüfung in die siebente Klasse und legte die Matura 1947 ab.